Aus der Schildkröten-Praxis:

 
 

Heute ist ein ganz aussergewöhnlicher Tag für Hermann. Er wird nämlich das erste Mal in seinem Leben dem Tierarzt vorgestellt. Hermann ist eine griechische Landschildkröte, fast 2 kg schwer und „mindestens 38-jährig, denn so lange sind wir zwei zusammen“, wie der Tierhalter sichtlich stolz anfügt. Und ergänzt sofort: „Wie der Name verrät, handelt es sich wohl um ein männliches Tier. Dies zumindest versicherte mir seinerzeit der Zoofachhändler, als er mir den Winzling in der „Grösse“ eines 5-Franken-Stückes damals für exakt diesen Betrag verkaufte.“

Grund für die Konsultation ist das seit gut 2 Wochen auffällige Verhalten des gepanzerten Vierbeiners. Gemäss Aussage seines zurecht besorgten Halters verschmähe dieser seit Tagen sonst von ihm äusserst begehrte Leckerbissen, wie z.B. Erdbeeren, Gänseblümchen und Schnittsalat-Blätter. Warme und sonnige Plätze würden, auch dies absolut untypisch, konsequent gemieden. Ruhe- und scheinbar ziellos wandere die Schildkröte in ihrem grosszügig bemessenen und reichhaltig strukturierten Ganzjahres-Freilandgehege umher. Ihre Hinterbeine seien schwach, sodass das Hinterende des Panzers beim Gehen zeitweise am Boden schleife. Sie halte öfters inne, um den Untergrund zu beriechen. Mitunter mache es den Anschein, als ob sie graben bzw. sich eingraben möchte. Um Vorbereitungen für die Winterruhe könne es sich aber Ende Juni bestimmt nicht handeln. Dies liesse sich weder mit der aktuellen Jahreszeit, noch mit den gegenwärtig herrschenden Aussentemperaturen vereinbaren.

Während sein Besitzer die beobachteten Symptome schildert, versucht Schildkröte Hermann beharrlich, aber kraft- und erfolglos, sich am Rand ihrer Transport-Schachtel hochzustemmen. Sie rudert auch dann noch, als sie der Tierarzt mit beiden Händen festhaltend eingehend klinisch untersucht. Nachdem er Hermann kurz auf den Rücken gedreht und in der Kloakengegend inspiziert hat, scheint sich sein von Anfang an gehegter Verdacht zu bestätigen. Der leicht konvex geformte Bauchpanzer, der relativ kurze und schmale Schwanz, der fehlende Schwanzendnagel und die fast unmittelbar an die Schwanzwurzel angrenzende Kloake liessen keinen Zweifel zu. In Tat und Wahrheit war Hermann ein weibliches Tier, eine „Hermine“ also! Und alle vom Schildkröten-Halter beobachteten Auffälligkeiten passten exakt auf eine bei Reptilien recht oft anzutreffende eigentliche Notfallerkrankung, nämlich eine Legenot.

Das sofort angefertigte Röntgenbild bestätigt die Verdachtsdiagnose. Die Eier erscheinen auf der Aufnahme weder missgestaltet, noch übergross oder aussergewöhnlich stark verkalkt. Deshalb entschliesst sich der Tierarzt, dem wohl erschöpften und geschwächten Schildkröten-Weibchen eine Bauchhöhlen-Infusion mit Elektrolyten und Glucose zu verabreichen, es in warmem Wasser zu baden und es dann nach einer Wehenmittel-Spritze nach Hause zu entlassen. In der vertrauten Umgebung sollte nun eigentlich einer baldigen und problemlosen Eiablage nichts mehr im Wege stehen. Würde „Hermine“ jedoch wider Erwarten innert 24 Stunden nicht alle Eier legen, müsste sie an einen Reptilien-Spezialisten überwiesen werden, der die in der Leibeshöhle verbliebenen Eier mittels „Kaiserschnitt“ (Eröffnung des Panzers, der Leibeshöhle und der Eileiter) entnehmen könnte.

Noch am selben Abend meldet der hörbar erleichterte und überaus dankbare Schildkröten-Besitzer per Telefon, dass es geklappt habe. „Und“, ergänzt er, „selbstverständlich habe ich mich inzwischen schlau gemacht. Ich wusste nämlich nicht, dass der Zeitpunkt der Geschlechtsreife bei Schildkröten in erster Linie durch ihre Grösse bzw. ihr Gewicht bestimmt wird. Ebenso hatte ich keine Ahnung davon, dass auch zeitlebens „sexuell abstinente“ Reptilien Eier legen, was ja eigentlich logisch ist. Jetzt bin ich um einiges „schildkröten-erfahrener“ und davon überzeugt, dass Hermine schon früher, allerdings ohne Schwierigkeiten, Eier gelegt haben muss. Höchstwahrscheinlich sind diese jedoch in der Erde verrottet oder kleinen, findigen Fressdieben zum Opfer gefallen.

Text und Illustration: Christina Sigrist, petadvice Heimtierberatung

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Legenot bei einer älteren griechischen Landschildkröte

© 3/2014 - Ch. Sigrist