Ratten –
die wahren Meister unter den Minensuchern

 
 

Diese Ratten sind Helden. Das legt zumindest der Name des Projektes nahe, in dem die Nager arbeiten: HeroRATS. Kim, Tyson, Ziko und ihre Kollegen spüren mit feinsten Geruchssinn Landminen in Mosambik auf. Von denen lagern schätzungsweise 500.000 als gefährliches Überbleibsel des Bürgerkrieges im Boden.

Sind die Gambia-Riesenhamsterratten Helden, weil sie für Menschen ihr Leben riskieren? Nein, sagt Projektleiter Bart Weetjens, mit ihrem Gewicht von etwa 1,5 Kilogramm sei es so gut wie ausgeschlossen, dass sie bei ihrer Suche eine Mine auslösen.

Ob heldenhaft oder nicht – jedenfalls sind die Tiere mittlerweile erfolgreich, nachdem das Medieninteresse schon Mitte des Jahrzehnts riesig war. Die Helden der Art Cricetomys gambianus sind nach internationalen Standards als Minensucher zertifiziert. Anfangs war Bart Weetjens noch belächelt worden, als er das gemeinnützige Projekt gründete, das Teil der niederländischen Firma Anti-Personnel Landmines Detection Product Development APOPO ist.

Bisher kannte man vor allem Spürhunde, nicht Spürratten. Ihre Nase prädestiniert Hunde für diese Arbeit, bei der winzigste Ausdünstungen von Sprengstoff registriert werden. Ratten besitzen aber Vorteile gegenüber Hunden: Sie sind leichter zu halten und mit zehn Dollar Haltungskosten pro Monat billiger.

Zudem sind sie in weit kürzerer Zeit zu züchten, ein Weibchen bekommt zehn Mal im Jahr vier bis fünf Junge. Die Nagetiere haben einen den Hunden mindestens ebenbürtigen Geruchssinn. Nach Apopo-Angaben erkennen die 30 bis 40 Zentimeter langen Tiere die unvorstellbar geringe Konzentration von zehn Billiardstel Gramm TNT pro Liter Luft (0,00000000000001 Gramm).

Sprengstoffe sind sehr schwer zu detektieren, weil sie kaum vom festen in den gasförmigen Zustand übergehen. Aber die Hamsterratte hat's drauf. Und sie hat einen Vorteil gegenüber Hunden: Aufgrund ihrer geringen Größe liegt die Nase viel tiefer – nahe der Erdoberfläche ist die Sprengstoffkonzentration am höchsten.

Acht bis zwölf Monate braucht es, um eine Hamsterratte so zu trainieren, dass sie beim Wahrnehmen eines Stoffes Signal gibt. Dann kratzt sie, als ob sie Futter ausgraben wollte. Anders als beim Hund klappt das Abrichten nicht über Befehl und Gehorsam, sondern über Belohnung. Hat ein Tier richtig erkannt, bekommt es Futter.

Zum Training gehört auch, Ablenkung zu vermeiden: Die Ratte soll sich beispielsweise nicht von einem Raubvogel irritieren lassen. Dass der die Ratte nicht schlägt, dafür sorgt der menschliche Betreuer, der den Nager an einer Konstruktion aus Laufleinen führt – und der mit dem Tier vier mal mehr Fläche sondieren kann, als würde er alleine mit einem konventionellen Metalldetektor arbeiten.

Dass Menschen mit Metalldetektoren so viel langsamer sind als Tiere hat auch damit zu tun, dass der Detektor auch bei Dosen und anderen harmlosen Metallgegenständen Alarm gibt, das Tier indes riecht, worauf es ankommt: tödlichen Sprengstoff.

Mittlerweile sind rund 250 Tiere im Einsatz oder Training, weitere werden herangezogen. Im Jahr 2009 hat Apopo mit ihrer Hilfe 169 Minen und 181 Bomben- und Granatenblindgänger entfernt sowie fast 4000 Waffen sichergestellt.

Apopo hat nun noch eine weiter Aufgabe für die Ratten: Einige Tiere sind ausgebildet, den typischen Geruch von Tuberkulose im Atem zu erkennen. 620 Infizierte wurden so 2009 diagnostiziert, aufgrund der Infektiosität des Erregers haben die Riesenhamsterratten viele weitere Menschen vor Tb bewahrt.

Text: Wolfgang W. Merkel, www.welt.de/wissenschaft, 09.11.10

Fotos:AFP

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