Lärmphobie

 

Viele Hunde leiden wenn’s knallt und kracht

Wenn Lärm Angst und krank macht

Vor allem dann, wenn sie abrupt und unverhofft in Erscheinung treten, versetzen laute oder unangenehme akustische Reize in Alarmbereitschaft. Krach, in welcher Form auch immer, kann zudem schädlich oder sogar schmerzhaft sein und löst deshalb Abwehr-, Meide- oder Fluchtverhalten aus. Die Gefahr, im Verlaufe des Lebens eine krankhafte und panische  Erwartungs- und Erlebens-Angst im Zusammenhang mit bestimmten Geräuschen, eine so genannte Geräusch-Phobie, zu entwickeln, ist bei Hunden besonders gross.


Zweifelsfrei- nicht wenige Hunde, und es werden immer mehr, haben ihre liebe Mühe mit Lärm und unangenehmen Geräuschen aller Art. Bedenkt man, dass sie deutlich differenzierter, deutlich besser und in einem deutlich grösseren Frequenzbereich als wir hören, erstaunt dies kaum.

Ererbt oder erworben?

Übermässige Geräusch-Empfindlichkeit und daraus sich entwickelnde Geräusch-Phobie besitzt bei Hunden nachweislich eine vergleichsweise hohe Erblichkeit. Höchstwahrscheinlich ist die Angst vor bestimmten akustischen Reizen genetisch mit durchaus erwünschten und deshalb auch bewusst selektierten Merkmalen gekoppelt und tritt deshalb heute auch bei bestimmten Rassen gehäuft auf. Mindestens so häufig aber lassen sich traumatische Erlebnisse im Zusammenhang mit bestimmten Geräuschen, Fehlverknüpfungen (u.a. durch vorbereitendes, beruhigendes oder gar tröstendes Sprechen und Streicheln des Hundes, durch Ablenkungsversuche mit Leckerbissen oder Spielgegenständen) und ganz besonders auch mangelhafte Gewöhnung oder aber Überstimulierung in der Welpenzeit als eigentliche Ursache herleiten.

Die einen leiden still, andere sind nicht zu halten

Währenddem die einen sich, sobald es knallt oder kracht, klein machen, geduckt verharren und erstarren, sich leise verziehen oder verstecken, reissen andere sich los, zerstören, was sie an der Flucht hindert und suchen das Weite bzw. ihr Heil in „kopfloser“ und oft stark selbst gefährdender Manier. Typisch für Angstzustände sind so genannte unwillkürliche Symptome wie  Herzklopfen, Zittern, Hecheln, vielleicht sogar vermehrtes Speicheln, unwillentlicher Kot- oder Urin-Absatz und manchmal auch Schweissabsonderung im Bereich der Pfotenballen. Nicht selten kann man die Angst des Hundes sogar riechen, fast ausnahmslos aber steht sie ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Die Pupillen sind weit aufgerissen, die Ohren kleben  seitlich und tief gestellt am Kopf die Stirnhaut und die Maulwinkel präsentieren sich „geglättet“ und weit nach hinten gezogen.

Was tun?

Eine Geräusch-Angst kann die Lebensqualität des betroffenen Hundes (und dessen Halters) drastisch beeinträchtigen und birgt oft beachtliches Selbst- und Fremdgefährdungs-Potenzial. In der Regel wächst sich diese besondere Angststörung auch nicht aus, ganz im Gegenteil. Geräusch-Phobien haben Verschlimmerungs- und vor allem Generalisierungs-Tendenz, d.h., das Auslöser-Spektrum wird im Verlaufe des Lebens, unterschiedlich schnell und unterschiedlich ausgeprägt, grösser.

Kluge Köpfe schützen sich, wenn’s knallt, rattert, pfeift und surrt……

Deshalb sollte nichts unversucht bleiben, betroffenen Patienten zu helfen. Oftmals ist eine individuelle Mehrkomponenten-Strategie angezeigt. Einige Hunde lassen sich  in ausgeklügelt (nach)gestellten Problemsituationen und möglichst kleinen Schritten an den Angstauslöser „gewöhnen“(Desensibilisierung), machen unter Anleitung neue und positive Verknüpfungen (Gegenkonditionierung, Erlernen von Alternativ-Verhalten) oder lernen, sich quasi auf Befehl (Abbruch- und Beruhigungssignale) emotional und motorisch zu kontrollieren. Andere brauchen „chemische“ Unterstützung, sei dies in Form von Sicherheit und Geborgenheit vermittelnden Duftstoffen (sog. Pheromone), sei dies in Form von verhaltensmodulierenden psychisch aktiven Medikamenten wie beispielsweise Bachblüten, Pflanzenheilmitteln, Homöopathica, Psychopharmaka oder Nahrungsergänzungsstoffen. Wichtiger Bestandteil (fast) jeder Geräusch-Phobie-Therapie bei Hunden sind so genannte Management-Massnahmen, zu denen auch der Einsatz mechanischer Hilfsmittel gehört. So empfiehlt es sich, geräuschphobische Hunde grundsätzlich an gut sitzenden und (aus)reisssicheren Brustgeschirren angeleint auszuführen. Sie sollten unterwegs „kopflastig“ beschäftigt und speziell gut beobachtet werden, damit frühzeitig interveniert werden kann. Vor allem aber gilt es, an der Bindung und am Vertrauen des Hundes zu seiner Bezugsperson zu arbeiten. Nur so bleiben die Hunde in der Panik kontrollierbar und suchen nicht in der Flucht, sondern in erster Linie bei ihrem Halter Sicherheit und Hilfe. Auch Ohrstöpsel oder sogar High-Tech-Kapsel-Gehörschütze können bestimmte Lärmängste lindern. An das Tragen solcher mechanischer Lärmschutzmassnahmen müssen die Hunde jedoch sorgfältig und in kleinen, positiv erlebten Schritten gewöhnt werden.

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© 7/2011 - Ch. Sigrist

Lärmphobie- ein weit verbreitetes Verhaltensproblem bei Hunden