Entwicklungs- und Sozialisierungsdefizite

 

Typische Ursachen von sogenannten Verhaltens-Entwicklungsstörungen

Bestens bekannt und mehr als ausreichend wissenschaftlich belegt sind die hauptsächlichsten Gründe für Verhaltenskrankheiten (nicht nur) bei Hunden: Es sind dies deren genetisches „Strickmuster“ und deren (Er)Lebens- und Haltungsumstände in den „sensiblen Phasen“ der Verhaltensentwicklung, der sogenannten Ersten  Sozialisierung (ab 3. bis ca. 20. Lebenswoche) und der Pubertät (= 2. Sozialisierung ab ungefähr dem 4. bis spätestens 48. Lebensmonat). In diesen beiden eminent wichtigen und bezüglich Verhalten alles bestimmenden Lebensphasen finden Hirnreifungsprozesse statt (u.a. Myelinisierung der Nervenfasern, Verlagerung von hauptsächlich emotionalem Lernen und Erleben in vermehrt kognitives und „analysierendes“, „verarbeitendes“ Anwenden, dendiritische „Bypass-Vernetzung“, „Stillegung“ von nicht oder nur sehr selten benützten Konnektionen, u.a.m.). In der Pubertätsphase, die soziale Reife, geistiges „Erwachsensein“ und bessere und „passendere“ Integration und Harmonisierung und Stabilisierung der gewohnten Sozial-Strukturen zum Ziel hat, sind es zusätzlich genetische Programme, die zu laufen beginnen und eine Vielzahl von ererbten Verhaltensbesonderheiten sichtbar machen.

Aus der Welpenzeit stammende Sozialisierungsdefizite äussern sich nicht selten in ängstlichen und/oder aggressivem Verhalten, einem pessimistischen Weltbild oder mangelndem Selbstvertrauen und können lebenslanges Leiden nach sich ziehen

Frühe Sozialisierungsdefizite und –pannen führen fast ausnahmslos nicht nur zu Verhaltensauffälligkeiten, sondern zu selbst- und fremdgefährdendem Verhalten, zu Verhaltenskrankheiten und zu einer mehr oder weniger starken und einer mehr oder weniger permanenten Einschränkung der Lebensqualität des betreffenden Hundes (seines Halters, seines Haltungsumfeldes). Ein ungenügend oder schlecht sozialisierter Hund lernt nicht oder nicht ausreichend, zwischen den 4 F zu unterscheiden. Das heisst, Fremdes und Befremdendes ist für ihn allgegenwärtig, Vertrautes selten. Er hat, kennt und erkennt kaum Freunde, dafür umso mehr (vermeintliche) Feinde. Und „verwechselt“ Subjekte und Individuen leicht und oft mit Beute“objekten“, sprich mit Jagd- und Fressbarem. Typische Verhaltenskrankheiten, die in der 1. Phase der Sozialisierung entstehen und bei deren Abschluss, also bereits bei einem 3-5 monatigen Welpen, manifest und damit offensichtlich werden, sind die Déprivation, die übermässige Bindung bzw. Trennungsangst und die ADHS- bzw. Hyperaktivitäts/Hypersensibilitäts-Störung.

Die früheste und wichtigste Sozialisierungs“arbeit“ leistet die Mutterhündin und ab der dritten Lebenswoche zusätzlich alle Miterzieher und –betreuer, so der oder die Halter, die Wurfgeschwister und natürlich auch andere Hunde im entsprechenden Sozialverband. Welpenbetreuung, v.a. auch erzieherische, ist enorm aufwändig, intensiv und erfordert sehr viel Fachkenntnis und entsprechenden Praxistransfer seitens des Halters! Welpen, die früh (d.h. vor der vollendeten 8.-10. Lebenswoche) von ihrer Mutter und/oder ihren Geschwistern getrennt und ihrem vertrauten Sozial-Ambiente entrissen werden, sind in der Regel traumatisiert und müssen durch deren neue menschliche Betreuer oft länger (lebenslang!!!), besser, umfassender und kompetenter umsorgt werden. Typische, aus der Welpenzeit stammende Verhaltensdefizite sind nebst den oben erwähnten Entwicklungsstörungen Angststörungen, stereotypes bis zwanghaftes Verhalten sowie Einzelsymptome wie fehlende Beisshemmung, ausbleibende Impulskontrolle, Überemotionalität und ungenügende Frustrationstoleranz, Kommunikations-Inkompetenz, mangelhafte Generalisierung, fehlende Bereitschaft, deeskalierende Gesten und Beschwichtigungssignale anzubieten, u.a.m.

Nichts wiegt in den ersten 8-10 Lebenswochen eines Welpen die gelebte Nähe, die Fürsorge und die konsequente, aber respektvolle und geduldige Erziehung durch die (verhaltens)gesunde Mutter auf

Eine unbekannte (Verhaltens)genetik erweist sich als zusätzlich erschwerend sowohl für die optimale Haltung, als auch für die adäquate oder gar präventive Betreuung, Erziehung und Ausbildung eines Hundes. Hunde wurden zwar seit mehreren tausend Jahren sehr intensiv auf bestimmte Verhaltens- und Leistungs-Eigenschaften gezüchtet (und diesbezüglich selektiert). Seit ca. 150 Jahren jedoch fokussiert die Rassehundezucht auf das wesentlich schneller und umfangreicher genetisch zu fixierende Extérieur. Da Verhaltens- und damit Wesens- bzw. Persönlichkeits-Merkmale aber deutlich weniger erblich sind und viel umfassender dem epigenetischen Einfluss unterliegen, kann bei Hunden ungesicherter Herkunft, Abstammung und Verwandtschaft nicht mehr zuverlässig vom äusseren Erscheinungsbild auf deren Innenleben geschlossen werden. Halter, die wenig oder keine Ahnung davon haben, wie ihre Hundewelpen innerlich „ticken“ und wann frühestens dies an welchen äusserlichen Zeichen sichtbar wird, könne (durch Erziehung, Ausbildung, Betreuung) kaum verhaltens(entwicklungs)fördernd oder -bremsend oder zumindest -„neutralisierend“ aktiv werden.

Woher wissen wir, wer oder was in einem Welpen unbekannter Herkunft tatsächlich drin steckt?

Auszug aus einem Referat zum Thema „Verhaltensauffälligkeiten bei Importhunden“ anlässlich der Schweizer Tierärztetage 2013 in Bern


Lesen Sie mehr zur Problematik des illegalen Welpenhandels in der Rubrik „Aktuelles“

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